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Kritik an geplantem Kunstmuseum auf der Darmstädter Mathildenhöhe dürfte nicht ohne Folgen bleiben (Foto: dapd)

Museum Sander: Stadtpolitiker und Stifter verwerfen kubische Form des Museumsbaus

Darmstadt 27.01.2011

Ein Schlichter will Joachim Felix Leonhard nicht genannt werden. In der von Darmstadts Bürgern hitzig geführten Auseinandersetzung um den geplanten Bau eines Museums auf der Mathildenhöhe trete er nur als Vermittler auf, betont er: Von einem Schlichter würde ein Schlichterspruch erwartet, nach dem sich die Verhandlungsparteien richten. Stephan Loichinger berichtet.

Ein Schlichter will Joachim Felix Leonhard nicht genannt werden. In der von Darmstadts Bürgern hitzig geführten Auseinandersetzung um den geplanten Bau eines Museums auf der Mathildenhöhe trete er nur als Vermittler auf, betont er: "Von einem Schlichter würde ein Schlichterspruch erwartet, nach dem sich die Verhandlungsparteien richten." In der Diskussion um das von den Geschäftsleuten und Wella-Erben Gisa und Hans-Joachim Sander als Geschenk an ihre Heimatstadt gedachte Ausstellungshaus für ihre private Kunstsammlung gebe es keine solchen Parteien, sagt Leonhard.

Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann (SPD) verpflichtete Ende 2010 Leonhard als Vermittler. Zuvor waren die rasch wachsende Bürgerinitiative "SOS Mathildenhöhe" und Leserbriefschreiber in der Lokalpresse monatelang Sturm gelaufen gegen den von allen politischen Gremien längst beschlossenen Neubau.

Am Dienstag (1. Februar) moderiert der frühere Staatssekretär im hessischen Kunstministerium das dritte und letzte Bürgerforum zum geplanten Museumsbau. Auf der Grundlage der Diskussionen will er einen Bericht schreiben mit Empfehlungen, wie Freunde und Gegner des Neubaus zueinander finden könnten. Letztlich entscheiden, was wo in welcher Form gebaut werde, könnten allein die Vertragsparteien, also Stadt und die Sanders, betont Leonhard.

Die Kritiker sagen, der im Juni 2010 prämierte Architektenentwurf für das Sander-Museum - ein schlichter Kubus aus dunklem Klinker - passe nicht zu den geschwungenen Formen der schmuckvollen Gebäude auf der Mathildenhöhe. Auf dem vorgesehenen Bauplatz am Südhang des Hügels verstelle er die Sichtachse vom und auf das zierreiche Ernst-Ludwig-Haus. Manche halten den künstlerischen Wert der Sammlung Sander, Bilder regionaler Maler des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts, für gering. Manche finden, die Mathildenhöhe sei nicht der richtige Ort dafür.

Auf Darmstadts höchster Erhebung richtete Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zentrum des Jugendstils ein, das auch dank der Architektur Joseph Maria Olbrichs von internationalem Rang ist. Der fünffingrige Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe ist das Wahrzeichen der Stadt.

Der frühere Direktor des Instituts Mathildenhöhe, Bernd Krimmel, gehört mit seinem Amtsnachfolger Ralf Beil zu den prominenten Gegner des Museums Sander in der geplanten Form. Krimmel sagt, im Wesentlichen richte sich die Kritik gegen den vorgesehenen Ort am Südhang, wo bis 1958 die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Jugendstil-Villa Haus Christiansen stand. Andererseits seien die Bürger "zurecht aufgebracht, dass die Verhandlungen im Verborgenen geführt wurden", sagt Krimmel. Oberbürgermeister Hoffmann habe sich dessen gar gerühmt. "Eine eingehende Information ist vor Vertragsabschluss nicht erfolgt, nicht einmal Herr Beil oder ich wurde gefragt", kritisiert Krimmel.

Wie beim Streit um das Bahn-Projekt "Stuttgart 21" dreht sich die Diskussion in also auch um das Demokratieverständnis. Hoffmann hat eingeräumt, dass die Bürgerforen zum Museumsneubau besser früher angesetzt gewesen wären. Die Diskussion als solche sei freilich fruchtbar. "Sie wird viele Erkenntnisse bringen für die Diskussion um die weitere Entwicklung der gesamten Mathildenhöhe und die Bebauung des Osthangs", sagt der Oberbürgermeister.

Am bislang nicht sehr schmucken Osthang sähen manche Kritiker gerne das Museum Sander. Hans-Joachim Sander schließt dies jedoch kategorisch aus. "Für den Osthang braucht es einen städtebaulichen Masterplan. Bis der umgesetzt und finanziert wird, kann es sehr lang dauern. Ich will noch in mein Museum gehen können", sagt der 59 Jahre alte frühere Galerist.

Dass so viele Darmstädter sein Geschenk an die Stadt offenbar nicht als Geschenk auffassen, habe seine Frau und ihn überrascht, sagt Sander: "Ich habe bislang keine starken Argumente gegen den Bau gehört. Aber es hat keinen Sinn, etwas zu bauen, was ein Teil der Bevölkerung nicht will." Obwohl er den Siegerentwurf aus dem Architektenwettbewerb für exzellent halte, glaube er doch nicht, dass er in der Form gebaut werde. Auch Oberbürgermeister Hoffmann hält den Entwurf für "nicht durchsetzbar". Seiner Meinung nach ist es hauptsächlich der Kubus, der aneckt. Die Empfehlungen des Vermittlers Leonhard dürften in diese Richtung gehen, wie er schon vor dem Abschluss seines Berichts über die Bürgerforen durchblicken lässt. Er halte es zudem für angebracht, die Bilder des Ehepaars Sander in Verbindung mit den bisher kaum ausgestellten Bildern aus dem 19. Jahrhundert im Bestand der städtischen Sammlung zu präsentieren.

Ob die Gegner mit einem veränderten Entwurf des Baus zu befrieden sind, gelte es nun auszuloten, sagt Sander. Jedoch sei das Sache der Stadt. Wer dort künftig das Sagen hat, steht nach der Kommunal- und OB-Wahl am 27. März fest. Hoffmann sagt, die Wahl sei keine Abstimmung über das Museum Sander. Kritiker wie Krimmel sehen das anders. Frühere Befürworter von der CDU und den Grünen haben sich nun gegen das Projekt gewandt. Leonhard hofft, "dass dieses mäzenatische Angebot nicht in den Trubel der Kommunalwahl gezogen wird". Er wolle "das Projekt zu einem ordentlichen Ende führen", sagt er: "Die Kulturstadt hätte es verdient."

dapd

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