Foto: DSC0207akl.jpg
Darmstädter Mathildenhöhe-Experte Bernd Krimmel: „Das ist wie bei der Achse Berlin-Rom. Wenn Rom weg ist, dann ist auch die Achse weg“ (Foto: HEINERTOWN.DE)

HEINERTOWN-Interview: „Transparenz und Denkmalschutz wurden beiseite geräumt“

Darmstadt 01.10.2010

Kaum ein Bürger hat sich so intensiv wie der Darmstädter Künstler Bernd Krimmel damit beschäftigt, wie die Mathildenhöhe dauerhaft erhalten werden kann. Im HEINERTOWN-Interview spricht der langjährige Kulturreferent der Stadt Darmstadt und Gründungsdirektor des Instituts Mathildenhöhe darüber, was die handelnden Akteure im Zusammenhang mit dem Bau des geplanten Museums Sander tatsächlich antreibt.

HEINERTOWN: Herr Krimmel, aufgrund Ihres Lebenslaufes gelten Sie als einer der bedeutendsten Experten, die die Stadt Darmstadt in Sachen Mathildenhöhe aufzubieten hat. Hat Oberbürgermeister Walter Hoffmann Sie schon darauf angesprochen, was Sie von den Planungen im Zusammenhang mit dem geplanten Museum Sander halten?

KRIMMEL: Ich war sehr überrascht, dass Oberbürgermeister Walter Hoffmann das Vorhaben unter der Decke hielt und weder mich noch den Institutsleiter der Mathildenhöhe, Dr. Ralf Beil, in die Planungen einbezogen hat. Die Transparenz und der Denkmalschutz wurden einfach beiseite geräumt.

HEINERTOWN: Hans-Joachim Sander hat dem Oberbürgermeister angeboten, ein Museum zu bauen, zu erhalten und überdies die dort ausgestellten Kunst-Objekte nach seinem Tod der Stadt Darmstadt zu überlassen. Das ist doch zunächst mal lobenswert.

KRIMMEL: Hoffmann weiß zu wenig von den großen Zusammenhängen, in denen Joseph Maria Olbrich gedacht hat, als er 1899 das Projekt Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Angriff genommen hat. Ich behaupte, Walter Hoffmann will einfach der Oberbürgermeister Darmstadts sein, der es zu Wege gebracht hat, dieses Museum zu bauen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

HEINERTOWN: Kritiker sagen, man sollte statt der sanderschen Kunstwerke lieber Exponate zeigen, die sich bereits in städtischem Besitz befinden.

KRIMMEL: Das wäre angebracht. Es handelt sich hier um mehrere 1.000 Kunstwerke aus dem 18. bis 20. Jahrhundert mit einem Wert in Höhe von mehreren Millionen Euro, die von hochherzigen Bürgern und Firmenchefs gestiftet oder mit dem Geld der Steuerzahler angeschafft worden sind. Dabei sind Bestände nationaler und internationaler Künstler im Laufe von hundert Jahren zusammen gekommen. Darunter befindet sich beispielsweise eine Sammlung mit Werken Arnold Böcklins, die Freiherr Maximilian von Heyl 1924 der Stadt Darmstadt geschenkt hat und dafür die Ehrenbürgerschaft verliehen bekam. Hans-Joachim Sander hingegen besitzt nur 250 Exponate und eine Sammlung in Teilen. Genau dieses Gebiet kann man jedoch auch mit stadteigenen Exponaten abdecken.

HEINERTOWN: Weiß man überhaupt, wo die städtische Kunstsammlung derzeit untergebracht ist?

KRIMMEL: Ja, in einem Keller. Die Objekte liegen eingestaubt in irgendwelchen Depots. Eine italienische Sammlung wurde darüber hinaus auf unabsehbare Dauer nach Italien verfrachtet. Nachvollziehbar ist das alles schon lange nicht mehr. Statt die bereits vorhandenen Objekte an einem geeigneten Ort zu präsentieren, lässt man sich von einem Privatmenschen die Bedingungen für ein Gebäude am sensibelsten Ort der Stadt diktieren, wo dann genau die Sachen gezeigt werden sollen, die man eh schon hat.

HEINERTOWN: Joseph Maria Olbrich würde sich Grab umdrehen?

KRIMMEL: So ist es. Das Museum Sander würde keine Symmetrie zum Ernst-Ludwig-Haus schaffen, geschweige denn eine Achse, wie sie von Olbrich angedacht worden war. Die Idee Olbrichs war eine städtebauliche Achse mit temporären lichtdurchfluteten Bauten. Man kann hier nicht einfach etwas ersetzen, was nicht ersetzbar ist. Das Museum Sander fände einen hervorragenden Platz am Osthang. Man könnte Villen der Reihe nach bauen und unterirdisch verbinden. In dem unterirdischen Teil könnte man beispielsweise Druckwerkstätten für Künstler unterbringen.

HEINERTOWN: Der städtische Denkmalpfleger Nikolaus Heiss hat seine Zustimmung zum geplanten Museum am Südhang immer damit begründet, dass durch Sanders Bau die von Olbrich gedachte symmetrische Achse wieder hergestellt würde.

KRIMMEL: Das ist völliger Unsinn. Herr Heiss unterliegt einer Utopie. Seit, die Villa Christiansen im Jahr 1944 zerstört wurde, gibt es diese Achse nicht mehr. Heiss meint, wenn das Haus nur die Kubatur des Vorgänger-Gebäudes einhalte, entsteht diese symmetrische Achse wieder. Aber eine Achse ist eine sprachliche Metapher. Wenn ein Pendant wegfällt, gibt es auch die Achse nicht nicht mehr. Das ist wie bei der Achse Berlin-Rom. Wenn Rom weg ist, dann ist auch die Achse weg. Joseph Maria Olbrich hat mit der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe eine weltweit einmalige Leistung erbracht. Indem er Kunst und Arbeit, Architektur und Gesellschaft miteinander verbunden hat. Nie wieder ist auch nur annähernd etwas Vergleichbares geschaffen worden.

HEINERTOWN: Herr Heiss ist ein Unwissender unter Unwissenden?

KRIMMEL: Wenn man wie Nikolaus Heiss Dinge behauptet, die nicht den Tatsachen entsprechen, kann man davon ausgehen. Als das Bauamt der Stadt die Eingangshalle des Instituts Mathildenhöhe vor fünf Jahren renovieren ließ und dabei die Schablonen-Dekorationen wieder entdeckt wurden, behauptete Heiss, diese Fresken seien von Joseph Maria Olbrich eingearbeitet worden. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Die gesamte Gestaltung übernahm August Buxbaum, der seinerzeit ein Gegenspieler Olbrichs war.

HEINERTOWN: Herr Krimmel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Anzeige
Pro-Immobilis
Anzeige
Agaplesion event_2_12_14
Anzeige
Format